Unsere Geschichte gehört zum spirituellen Weg
Einschlafen in der Meditation
Was geschieht, wenn wir jahrelang meditieren, uns selbst immer bewusster wahrnehmen? Wenn wir dennoch in dieselben Muster geraten? Und was genau hat das mit unserem Leben zu tun? Diese Frage begegnet mir in meiner Arbeit häufig.
Beispiel aus der Praxis
[Zum Schutz der Privatsphäre wurden biografische Details nicht genannt oder verändert.]
Vor einiger Zeit begleitete ich einen Klienten, der an einem längeren Meditations-Retreat teilgenommen hatte. Sein Thema mit dem er in die Therapiestunde kam war, dass er während der Meditation immer wieder einnickte. Manchmal fühlte sich das für ihn an wie Einschlafen, manchmal wie Nebel durch den er nicht schauen kann.
Eigentlich eine recht ‚normale‘ Erfahrung während längerer Meditationsretreats.
Doch interessant war, was innerlich daraus bei ihm entstand
Sehr schnell setzte Selbstkritik ein. Er begann, sich selbst und seine Praxis infrage zu stellen. Daraus entwickelte sich eine grundsätzlichere Bewegung des Zweifelns und Bewertens. Ein ähnliches Zweifeln und Abwägen, Bewerten und nach den Gründen suchend kannte er ebenfalls in seiner Partnerschaft. Die Beziehung erschien plötzlich noch fragwürdiger. War sie noch richtig? Entwickelte sich sein Partner genügend? War er überhaupt bereit, an sich zu arbeiten? Musste vielleicht eine Entscheidung getroffen werden?
Im ersten Moment können solche Fragen wie der Wunsch nach Klarheit erscheinen. In unserer gemeinsamen Arbeit wurde jedoch etwas anderes sichtbar: der starke innere Drang, etwas entscheiden, verbessern oder optimieren zu müssen. In der Therapeutensprache nennen wir das auch Anpassungsstrategie. Aus seiner persönlichen Herkunftsgeschichte kannte er das sehr gut. Der gesamte Schul-, Studien- und Arbeitsalltag war dadurch geprägt, Ebenfalls herrschte in seinem Elternhaus dieser einvernehmliche und unbewusste Glaubenssatz, dass Erfolg nur durch ständige Optimierung und Fleiß erreicht werden kann.
Wenn Beziehung uns an eine tiefere Stelle führt
Durch das nun bewusstere Einordnen dieser Strategie veränderte sich bei ihm die Frage.
Nicht mehr ausschließlich: Ist diese Beziehung richtig für mich? Sondern auch: Was geschieht gerade in mir, während ich diese Frage stelle?
Je genauer wir hinschauten, desto deutlicher wurde, wie stark die wahrgenommene fehlende Entwicklungsbereitschaft seines Partners Ablehnung in ihm auslöste. Unter dieser Ablehnung lag jedoch etwas wesentlich Verletzlicheres.
Er kam in Kontakt mit einer sehr frühen Erfahrung, in der für ihn existenziell spürbar geworden war: Mit mir ist etwas nicht in Ordnung. Diese Erfahrung war nicht einfach als bewusster Gedanke vorhanden. Sie lebte vielmehr in der Art weiter, wie sein inneres System auf Unsicherheit, Unvollkommenheit und Beziehung reagierte. Mit Angst, Trauer und Wut.
Plötzlich erschien auch der Wunsch nach Optimierung in einem anderen Licht.
Wenn tief in uns die Erfahrung lebt, nicht richtig oder nicht in Ordnung zu sein, kann die Bewegung, uns selbst, unsere spirituelle Praxis und manchmal auch den Menschen an unserer Seite ständig verbessern zu wollen, eine verständliche Antwort darauf sein.
Das bedeutet nicht, dass jede Kritik an einer Beziehung lediglich ein altes Muster ist. Manchmal müssen Beziehungen verändert oder beendet werden. Grenzen können notwendig sein.
Entscheidend ist für mich eine andere Frage:
Von welchem inneren Ort aus treffen wir unsere Entscheidung?
Spirituelle Praxis und unsere Geschichte
Gerade deshalb empfinde ich die Erfahrungen des Einschlafens nicht als ein Scheitern spiritueller Praxis.
Der Moment auf dem Meditationskissen, in dem mein Klient immer wieder einschlief, war vielleicht weniger interessant als das, was anschließend in ihm geschah. Selbstkritik. Bewertung. Zweifel. Optimierungsdruck. Ablehnung.
Die Meditation hatte diese Bewegungen nicht einfach aufgelöst. Aber sie konnte einen Raum schaffen, in dem sie überhaupt wahrnehmbar wurden.
Und hier beginnt für mich ein wesentlicher Teil von Integration. Wir versuchen nicht nur, den kritischen Gedanken, den Glaubenssatz loszulassen oder uns möglichst schnell wieder in einen wachen Zustand zu bringen. Wir beginnen, uns dafür zu interessieren, welche Geschichte sich darin zeigt.
Was wird gerade berührt?
Was versucht sich zu schützen?
Welche alte Erfahrung wiederholt sich möglicherweise in der Gegenwart?
Und können wir lernen, mit diesem Teil von uns in Beziehung zu bleiben, statt unmittelbar aus ihm heraus zu handeln?
Präsenz zeigt sich in Beziehung
Spirituelle Reifung zeigt sich für mich deshalb nicht allein darin, welche Erfahrungen wir während einer Meditation machen. Sie zeigt sich auch darin, was geschieht, wenn unser Partner etwas tut, was uns nicht gefällt. Wenn wir uns nicht gesehen fühlen. Wenn jemand eine vollkommen andere Sicht auf die Dinge hat. Oder wenn das Leben nicht unserer Vorstellung davon entspricht, wie es sein sollte.
Können wir dann bemerken, was in uns geschieht? Können wir unterscheiden zwischen dem Menschen, der gerade vor uns steht, und der Geschichte, die gleichzeitig in uns berührt wird? Das bedeutet weder, unsere Wahrnehmung infrage zu stellen, noch alles hinzunehmen. Im Gegenteil.
Je mehr wir unsere eigene Geschichte kennen und integrieren, desto klarer kann möglicherweise auch unsere Wahrnehmung der gegenwärtigen Situation werden.
Und vielleicht entsteht genau dort wieder Bezogenheit, wo vorher kaum eine gemeinsame Kommunikationsebene möglich schien.
Integration statt Überwindung
Deshalb interessiert mich heute weniger die Frage, wie wir unsere Prägungen irgendwann überwinden können.
Mich interessiert: Wie können wir unsere persönliche, familiäre und kollektive Geschichte integrieren, sodass mehr Präsenz, Beziehung und spirituelle Entwicklung möglich werden?
Vielleicht geschieht Entwicklung, wenn immer mehr von dem, was wir sind und was uns geprägt hat, bewusst werden und in Beziehung kommen darf. Und vielleicht kann gerade daraus etwas von unserem ganz eigenen Potenzial sichtbar werden was zuvor verdeckt war. In Freiheit leben bedeutet dann, die Wahl haben.